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Paul Rudolf Henning – Geburtstag 2018

Die heutige Geburtstagserinnerung ist Paul Rudolf Henning gewidmet. Seinen 132. Jahrestag hätte er heute feiern können.

Nachfragen bei den Besuchern der Infostation, wie auch bei einigen Führungen ergeben, das seine Bauwerke oft nicht weiter beachtet werden. Nach den “Highlights” Scharoun und Gropius, sowie den dynamischen Bauten von Häring, werden “die Zeilen im nördlichen Teil” des Weltkulturerbes gerne “vergessen”. Sehr schade, den Henning wartet hier mit einer Vielzahl an, sagen wir, Experimenten auf.

Ungewöhnlich auch er selbst. Eigentlich ein dem Expressionismus verpflichteter Bildhauer, konnte er sich auch als Architekt behaupten. Seine Ideen galten als äußerst fortschrittlich. In der Großsiedlung konnte er gleich sechs Zeilen (tatsächlich sieben, dazu später mehr) erschaffen.
Gleich nach Fertigstellung des ersten Baufeldes (die Gebäude südlich der heute in die Siedlung eingebetteten Grünfläche) wurde 1930 mit dem zweiten begonnen. Fred Forbat erstellte hier seine mittlere und nördliche Zeile, der Rest lag in Hennings Händen. Er erschloss den Bereich von Osten her und die ersten drei Zeilen zeigen deutlich die Überleitung zum Volkspark. Farben wie auch Gestaltung verbinden Siedlung und Park.
Der im Original gelbliche Putz ist rau ausgeführt, stellte eine zurückhaltende Naturfarbe dar. Die Fassaden mit den Klinkerelementen wiederum stellen durch die gestalterischen Ähnlichkeiten die Verbindung zu anderen Objekten der Siedlung her. Die Zeilenbauten, erst drei- dann zweigeschossig abfallend, leiten weich in den Park hinein. Damals gut sichtbar, ist der zweigeschossige Bauteil leicht nach Westen abgeknickt. Dies erzeugte eine interessante, optische Dynamik. Heute ist diese Wirkung durch die Vegetation nicht mehr nachzuvollziehen.
Die Bewohner im Erdgeschoss bekamen eigene Gärten und die Allgemeinheit dort großzügig vorgelagerte Rasenflächen. Auch dies leitet von der üblichen Wohnbebauung zum Park über, birgt eher den Charakter einer Gartenstadt. Damit dieser Natur-Eindruck nicht gestört wird, hat der Gartenarchitekt Migge die Rasenflächen erhöht angelegt um die Fläche für die Mülltonnen verstecken zu können.
Bewohner der oberen Etagen können die markanten, rechteckigen, an den Ecken abgerundeten Balkone nutzen. Diese springen förmlich aus der Wand heraus, bieten Platz für fünf Sitzgelegenheiten – und stellen das expressive Element in Hennings Bauten dar.
Im Gegensatz dazu sind die Hauseingänge auf der Ostseite wenig differenziert, weisen nur leicht in den Baukörper eingelassene mit gitterartigen Metallrahmenfenstern versehene Treppenhäuser auf.

Diese Aufteilung – eine einheitliche Ostseite und die im Kontrast dazu stehende, dynamische Westseite – spiegelt sich auch in der vierten Zeile Hennings wieder. Dieser Bau war zunächst der westliche Abschluss und ist entsprechend als “Schlußstein” ausgeführt: Die Gärten im Erdgeschoss wie auch der abgewinkelte, niedrigere Teil wich einem einheitlichen, leicht verkürztem, Erscheinungsbild.

Allen vier Zeilen gleich ist die Aufteilung der Wohnungsgrößen. Henning baute drei Wohnungstypen mit Grundrissen für 52qm und 62qm. Sie wurden hausweise abwechselnd angeordnet. Von Außen treten diese Unterschiede nicht in Erscheinung.
Die mit 72qm größten Wohnungen der gesamten Siedlung liegen jeweils an der Südseite, allerdings ohne Balkon. Dafür wurden sie mit einem 5m breiten Blumenfenster ausgestattet das “(…) neben einem Ausblick auf die vorgelagerte Wiese – dem Grundriß ein Höchstmaß an Helle und Weiträumigkeit ergibt”, so Henning.

Die Dachterrassen. 
”War das nicht ein unglaublicher Luxus?” Eine oft gestellte Frage. Auf jeweils zwei Zeilen von Scharoun (von Aussen kaum wahrnehmbar) und Gropius (über die gesamte Länge hinweg), sowie hier auf mehreren Teilen (deutlich sichtbar) sind sie zu finden. Und sie sind bis heute für die jeweiligen Mieter zugänglich.
Diese Terrassen waren tatsächlich eine Vorgabe des Bezirks und hatten – natürlich – nichts mit Luxus zu tun. Der eigentliche Grund für die Einbindung war die Tuberkulose! 
Weit verbreitet im damaligen Berlin, galt die Kur an der frischen Luft als beste Medizin. Überall finden sich auf zeitgenössischen Stadtplänen kleine “Erholungsheime” für Patienten im Anfangsstadium (beispielsweise im Volkspark Jungfernheide und auch dort wo sich heute die Feuerwache befindet). In der “Ringsiedlung” wurden die Dachterrassen also auch zur Therapie erstellt – und genutzt.

Die beiden letzten Zeilen von Henning.
Den aufmerksamen Betrachter fällt sofort der Unterschied, die Diskrepanz zu den anderen vier Gebäuden auf. Es sind zwei spiegelbildlich angeordnete Bauten, die nichts der typischen Elemente Hennings aufweisen. Sie wurden erst spät, nämlich 1933/1934 erbaut. Besser: Henning “durfte” sie bauen.
Die Baupläne wurden während der Zeit des Nationalsozialismus stark “korrigiert”. Diese Zeilen sind daher die einzigen Objekte in der gesamten Siedlung, die weder Loggien, Balkone noch Sonnenterrassen besitzen. Statt zwei, gehen jetzt drei kleinere Wohnungen je Etage vom Treppenhaus ab (die mittlere daher ohne Möglichkeit der Querlüftung!). 
Wie es  Henning gelang, das den Nazis so verhasste Flachdach durchzusetzen, bleibt ein Rätsel.

Die siebente Zeile.
Zeitgleich mit der fünften und sechsten, baute Henning auch eine siebte Zeile – selbstverständlich auch nach gleichen Vorgaben. Sie erstreckt sich entlang der Ostseite des Geißlerpfades und gehört gerade eben nicht mehr zum Weltkultuererbe, dessen östliche Grenze der Geißlerpfad selbst ist.
An diesen Bau schließen sich dann auch sofort Gebäude im typischen Stil der Zeit des Dritten Reiches an.

Erst in der Nachkriegszeit konnte Henning seine progressiven Ideen weiter umsetzen. Einige seiner Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz.

Paul Rudolf Henning starb am 11. Oktober 1986 nach 100 Lebensjahren.
Als Bildhauer, hat er seinen Grabstein auf dem Friedhof Steglitz selbst gestaltet:
https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Rudolf_Henning#/media/File:Paul_Rudolf_Henning_-_Friedhof_Steglitz.jpg

Wer nach diesem kurzen Abriss weitere Fragen hat, sei gerne in die Infostation eingeladen 😉

 

Text: © Christian Fessel

Fotos:
Paul Rudolf Henning, Berliner Moderne, Zeilenbauten am Heckerdamm, 1930-34
Copyright: © Christian Fessel All rights reserved.

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